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Gelenke und Bewegung beim Hund – warum Probleme entstehen und wie du sinnvoll unterstützen kannst

Gelenke und Bewegung beim Hund – warum Probleme entstehen und wie du sinnvoll unterstützen kannst

Gelenke und Bewegung beim Hund – warum Probleme entstehen und wie du sinnvoll unterstützen kannst

Bewegung ist für unsere Hunde ein riesiges Stück Lebensqualität.

Rennen, schnüffeln, spielen, durch den Wald laufen, ins Auto springen oder einfach morgens problemlos aus dem Körbchen aufstehen – solange all das funktioniert, machen wir uns über Gelenke meistens erstaunlich wenig Gedanken.

Das ändert sich oft erst, wenn der Hund plötzlich langsamer wird.

Vielleicht steht er morgens etwas steif auf. Er überlegt länger, bevor er ins Auto springt. Die Treppe wird gemächlicher genommen. Nach einem langen Spaziergang läuft er unrund oder am nächsten Tag deutlich schlechter.

Und dann kommt die Frage, welche mir häufig in Beratungen gestellt wird:

Was kann ich meinem Hund für die Gelenke geben?

Ich möchte diese Frage gerne ein bisschen anders formulieren:

Warum hat dieser Hund überhaupt Probleme mit seinem Bewegungsapparat – und an welchen Stellen können wir tatsächlich etwas verändern?

Denn Gelenkgesundheit besteht nicht aus einem Pulver im Napf. Gewicht, Muskulatur, Bewegung, Ernährung, genetische Voraussetzungen, Verletzungen, Gelenkfehlentwicklungen, Schmerzen und das Alter greifen ineinander. Genau deshalb sollten wir den gesamten Hund betrachten.

Was passiert eigentlich in einem gesunden Gelenk?

Ein Gelenk ist wesentlich komplexer, als es auf den ersten Blick aussieht. Dort, wo zwei Knochen aufeinandertreffen, sind die Gelenkflächen mit Knorpel überzogen. Dieser Gelenkknorpel ermöglicht eine sehr reibungsarme Bewegung und hilft gleichzeitig dabei, Belastungen zu verteilen.

Zum Gelenk gehören außerdem unter anderem:

  • Gelenkkapsel
  • Gelenkinnenhaut, die sogenannte Synovialmembran
  • Gelenkflüssigkeit bzw. Synovia
  • Bänder
  • Sehnen
  • Muskulatur
  • der unter dem Knorpel liegende Knochen

Das ist deshalb wichtig, weil beispielsweise eine Arthrose nicht einfach nur bedeutet:

„Der Knorpel ist abgenutzt.“

Diese Vorstellung ist inzwischen überholt.

Osteoarthritis bzw. Arthrose wird vielmehr als Erkrankung des gesamten Gelenks verstanden. Dabei können Knorpel, Synovialmembran, subchondraler Knochen und weitere Strukturen beteiligt sein. Ich habe da mal zwei Grafiken für Euch die das, so finde ich recht leicht verständlich veranschaulichen.

Gelenkknorpel – das ist schon ein kleines biologisches Wunder...

Ich finde Knorpel ist ein faszinierendes Gewebe. Er besteht zu einem großen Anteil aus Wasser sowie aus einer komplexen extrazellulären Matrix. Wichtige Bestandteile sind unter anderem Kollagene und Proteoglykane. Dazwischen sitzen die Knorpelzellen, die Chondrozyten.

Das Besondere:

Gelenkknorpel besitzt keine eigene Blutgefäßversorgung wie beispielsweise ein Muskel. Sein Stoffwechsel funktioniert deshalb anders. Die Gelenkflüssigkeit spielt bei der Versorgung des Knorpels eine ganz wichtige Rolle. Und hier kommt jetzt die Bewegung des Hundes ins Spiel.

Warum die Bewegung deines Hundes für den Knorpel so wichtig ist...

Sehr vereinfacht kann man sich Knorpel ein bisschen wie einen Schwamm vorstellen. Bei Belastung verändert sich sein Flüssigkeitsgehalt, bei Entlastung kann wieder Flüssigkeit aufgenommen werden. Der Wechsel zwischen Belastung und Entlastung gehört deshalb zur normalen Gelenkphysiologie. Das bedeutet:

Ein gesundes Gelenk braucht Bewegung.

Aber daraus folgt nicht, dass möglichst viel Bewegung automatisch möglichst gesund ist. Entscheidend sind Art, Intensität, Dauer und die körperlichen Voraussetzungen des Hundes.

Warum entstehen denn eigentlich Gelenkprobleme?

Bei den meisten Hunden gibt es nicht den einen Auslöser. Eine systematische Übersichtsarbeit zu Risikofaktoren für canine Osteoarthritis und prädisponierende Gelenkerkrankungen beschreibt unter anderem Zusammenhänge mit Alter, Körpergewicht, Rasse, Körpergröße, Geschlecht bzw. Kastrationsstatus bei bestimmten Erkrankungen sowie verschiedenen orthopädischen Grunderkrankungen. Ja ja ich weiß das klingt jetzt hoch wissenschaftlich, deshalb habe ich mal versucht euch das etwas zu vereinfachen. Besonders wichtig sind Erkrankungen, die später eine sekundäre Arthrose begünstigen können.

Dazu gehören beispielsweise:

  • Hüftgelenksdysplasie
  • Ellbogendysplasie
  • Kreuzbanderkrankungen
  • Patellaluxationen
  • Osteochondrose/OCD
  • Gelenkinstabilitäten
  • vorausgegangene Verletzungen und Traumata

Deshalb lohnt sich bei einer Arthrose immer die Frage: Was ist in diesem Gelenk ursprünglich passiert? Denn gerade beim Hund entsteht Arthrose häufig sekundär aufgrund einer anderen Gelenkerkrankung oder Verletzung.

Arthrose ist also viel mehr als nur „Verschleiß“

Das Wort Verschleiß klingt, als würde ein Gelenk ähnlich wie ein Autoreifen einfach mit jedem Kilometer dünner werden. Biologisch ist die Situation wesentlich komplexer.

Bei Osteoarthritis laufen Umbau- und Entzündungsprozesse innerhalb des gesamten Gelenks ab. Knorpelmatrix wird verändert und abgebaut, die Synovialmembran kann entzündlich reagieren und auch der darunterliegende Knochen verändert sich.

Das kann einen Kreislauf begünstigen:

Gelenkveränderung → Schmerz → weniger oder veränderte Bewegung → Muskelverlust bzw. Fehlbelastung → schlechtere Gelenkstabilisierung → weitere Probleme.

Und genau diesen Kreislauf möchte ich möglichst früh durchbrechen.

Gelenkgesundheit beginnt bereits beim Welpen

Das wird meiner Meinung nach viel zu häufig vergessen. Bei einem achtjährigen Hund über Gelenkunterstützung nachzudenken ist gut. Bei einem acht Wochen alten Hund über Gelenkgesundheit nachzudenken, kann noch wichtiger sein. Gerade bei großen und schnell wachsenden Hunden ist die Wachstumsphase ernährungsphysiologisch anspruchsvoll.

Hier gilt nicht: Je mehr Nährstoffe, desto besser. Sondern: So viel wie nötig und so ausgewogen wie möglich.

Energieversorgung und Wachstum

Eine dauerhaft zu hohe Energieaufnahme kann bei wachsenden Hunden zu einem zu schnellen Wachstum und zu einer höheren Körpermasse führen. Gerade bei großwüchsigen Hunden kann dies orthopädische Entwicklungsprobleme begünstigen.

Deshalb sollte ein Welpe nicht möglichst schnell „groß und kräftig“ werden.

Ich möchte einen gleichmäßig wachsenden, schlanken Junghund.

Calcium – bitte nicht nach Gefühl

Auch die Mineralstoffversorgung muss im Wachstum stimmen.

Besonders Calcium und Phosphor verdienen Aufmerksamkeit. Ein Zuviel an Calcium kann für wachsende Hunde problematisch sein – insbesondere bei großen Rassen.

Deshalb halte ich wenig davon, einem bereits vollwertig versorgten Welpen vorsorglich Knochenmehl, Calciumpräparate oder irgendwelche „Wachstumspulver“ zusätzlich zu geben.

Die Gesamtration muss berechnet und beurteilt werden.

Gewicht – wahrscheinlich einer unserer wichtigsten Hebel

Wenn ich bei einem Hund mit Gelenkproblemen nur eine Sache verändern dürfte und dieser Hund wäre übergewichtig, würde ich mir sein Gewicht sehr genau anschauen.

Denn jedes zusätzliche Kilogramm muss bewegt, getragen und abgefangen werden.

Und Gewicht ist einer der Faktoren, den wir tatsächlich beeinflussen können.

Besonders eindrucksvoll ist eine bekannte Langzeituntersuchung an Labrador Retrievern.

Hunde, deren Energieaufnahme über viele Jahre kontrolliert niedriger gehalten wurde als die ihrer jeweils gepaarten Kontrollhunde, waren schlanker und entwickelten bestimmte chronische Erkrankungen später. Auch das Auftreten bzw. der Schweregrad von Osteoarthritis unterschied sich zwischen den Gruppen.

Bei bereits übergewichtigen Hunden mit Arthrose gibt es ebenfalls klinische Daten dafür, dass Gewichtsreduktion die Lahmheit bzw. Beweglichkeit verbessern kann.

Das bedeutet für mich ganz praktisch:

Bevor wir über das nächste Gelenkpulver sprechen, schauen wir uns die Figur des Hundes an.

Muskulatur – das körpereigene Stützsystem

Gewicht allein reicht aber nicht. Ein leichter Hund ohne ausreichende Muskulatur ist nicht automatisch optimal aufgestellt. Muskeln stabilisieren den Bewegungsapparat und ermöglichen kontrollierte Bewegungen. Bei Gelenkschmerzen entsteht allerdings schnell ein Problem. Der Hund schont. Dadurch bewegt er sich weniger oder anders. Muskulatur kann verloren gehen. Dadurch verschlechtert sich wiederum die funktionelle Stabilisierung.

Deshalb ist ein vernünftiger Muskelaufbau ein zentraler Bestandteil vieler orthopädischer Therapiekonzepte und genau deshalb hole ich in meine Beratungen auch immer Osteophaten und Physiotherapeuten mit ins Boot.

Bewegung ja – aber bitte sinnvoll

Gerade bei Arthrose wird manchmal versucht, den Hund möglichst stark zu schonen.

Bei akuten Verletzungen oder akuten Entzündungen kann eine zeitweilige Bewegungseinschränkung selbstverständlich notwendig sein.

Bei chronischen Gelenkerkrankungen ist dauerhafte Inaktivität dagegen keine gute allgemeine Strategie.

Besser ist eine regelmäßige, kontrollierte und individuell angepasste Bewegung.

Statt:

Montag bis Freitag kurze Runden und Sonntag vier Stunden Wanderung,

ist häufig sinnvoller:

regelmäßig moderate Bewegung mit möglichst gleichmäßiger Belastung.

Je nach Hund und Erkrankung können dazugehören:

kontrolliertes Gehen

  • Spaziergänge in angepasster Länge
  • langsames Bergaufgehen
  • gezieltes Krafttraining
  • Koordinationsübungen
  • Cavaletti-Arbeit unter fachlicher Anleitung
  • physiotherapeutische Übungen
  • Hydrotherapie bzw. Unterwasserlaufband in geeigneten Fällen
  • Welche Übung geeignet ist, hängt allerdings von der Diagnose ab.

Ein Hund mit Hüftarthrose ist nicht automatisch genauso zu trainieren wie ein Hund nach einer Kreuzbandoperation.

Vorsicht mit Stop-and-Go-Bewegungen

Ballwerfen gehört für viele Hundehalter ganz selbstverständlich zum Spaziergang. Orthopädisch kann exzessives Ballwerfen allerdings ungünstige Bewegungsmuster beinhalten: Sprinten, abruptes Abbremsen, Springen, Drehen und schnelle Richtungswechsel. Das bedeutet nicht, dass ein gesunder Hund niemals einem Ball hinterherlaufen darf. Aber bei einem bereits vorgeschädigten Bewegungsapparat würde ich unkontrollierte Stop-and-Go-Belastungen kritisch betrachten. Ähnliches gilt für wildes Frisbeespielen mit hohen Sprüngen und Drehungen.

Und was können wir über die Ernährung tun?

Jetzt kommen wir zu meinem Lieblingsthema.

Eine Gelenkration sollte für mich zunächst vier grundlegende Dinge erfüllen:

  • Sie sollte bedarfsdeckend sein.
  • Sie sollte den Hund schlank halten.
  • Sie sollte ausreichend hochwertiges Protein liefern, damit Muskulatur erhalten werden kann.
  • Und sie sollte gezielt die Nährstoffe bereitstellen, die wir zusätzlich einsetzen möchten.

Erst danach kommen spezielle Gelenkergänzungen.

Omega-3-Fettsäuren – EPA und DHA

Wenn wir uns die wissenschaftliche Evidenz verschiedener Nahrungsergänzungen bei caniner Arthrose ansehen, schneiden Omega-3-Fettsäuren vergleichsweise gut ab.

Besonders interessant sind die langkettigen Omega-3-Fettsäuren:

EPA – Eicosapentaensäure

und

DHA – Docosahexaensäure.

EPA und DHA beeinflussen unter anderem die Bildung verschiedener Lipidmediatoren und können Entzündungsprozesse modulieren.

Klinische Studien mit arthrotischen Hunden haben bei Omega-3-angereicherten Rationen Verbesserungen verschiedener funktioneller Parameter gezeigt.

Auch eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse aus dem Jahr 2022 kam zu dem Ergebnis, dass Omega-3-angereicherte Diäten bzw. Omega-3-Supplemente unter den untersuchten Nutraceuticals zu den besser belegten Optionen gehören.

Fischöl ist nicht gleich Fischöl

Deshalb schaue ich bei einem Öl nicht einfach auf die Angabe:

„1000 mg Fischöl“

oder

„reich an Omega 3“.

Entscheidend ist vielmehr:

Wie viel EPA und DHA enthält die tatsächlich gefütterte Tagesmenge?

Ein Produkt kann sehr viel Öl enthalten und trotzdem vergleichsweise wenig EPA und DHA liefern.

Das sollte immer konkret berechnet werden.

Grünlippmuschel – sinnvoll oder nur gutes Marketing?

Die neuseeländische Grünlippmuschel (Perna canaliculus) wird sehr häufig in Gelenkprodukten eingesetzt.

Sie liefert verschiedene bioaktive Bestandteile, darunter besondere Lipidfraktionen. Je nach Produkt unterscheiden sich Verarbeitung und Zusammensetzung allerdings erheblich.

Es existieren klinische Untersuchungen bei Hunden mit Arthrose, die positive Effekte beschreiben. Die Evidenz ist aber weniger konsistent und umfangreich als bei Omega-3-Fettsäuren.

Deshalb:

Grünlippmuschel kann eine interessante Ergänzung sein – sie ist aber kein Knorpel-Reparaturpulver.

Glucosamin und Chondroitin – die Klassiker

Kaum ein Gelenkprodukt kommt ohne diese beiden Stoffe aus.

Glucosamin und Chondroitin sind Bestandteile bzw. Vorstufen von Strukturen der Knorpelmatrix, weshalb die Idee einer Supplementierung zunächst sehr logisch klingt.

Die klinische Datenlage beim Hund ist jedoch erstaunlich uneinheitlich.

Die systematische Übersichtsarbeit von Barbeau-Grégoire und Kollegen aus dem Jahr 2022 fand für Glucosamin-Chondroitin-Produkte keine überzeugende schmerzlindernde Wirkung bei Osteoarthritis.

Das heißt nicht:

„Glucosamin ist definitiv wirkungslos.“

Es heißt:

Die klinische Evidenz rechtfertigt nicht die großen Versprechen, mit denen solche Produkte teilweise beworben werden.

Kollagen – nicht alles ist dasselbe

Auch bei Kollagen müssen wir unterscheiden.

Kollagenhydrolysat, Gelatine und undenaturiertes Kollagen Typ II sind nicht einfach dasselbe Produkt mit unterschiedlichem Namen.

Besonders undenaturiertes Kollagen Typ II – UC-II wurde bei Hunden untersucht.

Hier wird ein anderer Wirkmechanismus diskutiert als beim einfachen Zuführen von Aminosäuren für den Knorpelaufbau.

Einige Studien berichten Verbesserungen bei Hunden mit Osteoarthritis. Insgesamt ist die Datenlage interessant, aber deutlich kleiner als bei etablierten tiermedizinischen Schmerztherapien.

Ich sehe UC-II deshalb als mögliche ergänzende Option – nicht als Ersatz für eine notwendige Therapie.

MSM – Methylsulfonylmethan

MSM findet man ebenfalls in vielen Gelenkprodukten.

Es handelt sich um eine schwefelhaltige Verbindung.

MSM werden unter anderem antioxidative und entzündungsmodulierende Eigenschaften zugeschrieben. Beim Menschen gibt es Untersuchungen im Bereich Osteoarthritis.

Für Hunde ist die klinische Evidenz als alleinige Arthrosetherapie jedoch begrenzt.

Deshalb würde ich MSM nicht zu den am besten belegten Maßnahmen zählen.

Hagebutte – mehr als Vitamin C?

Hagebuttenpulver wird naturheilkundlich gerne für den Bewegungsapparat eingesetzt.

Hagebutten enthalten unter anderem Vitamin C, Polyphenole, Carotinoide und weitere Pflanzenstoffe.

Beim Menschen wurden standardisierte Hagebuttenpräparate im Zusammenhang mit Osteoarthritis untersucht.

Beim Hund ist die Datenlage wesentlich dünner.

Das bedeutet:

Hagebutte kann Bestandteil einer abwechslungsreichen pflanzlichen Ergänzung sein. Ich würde meinen Kunden aber nicht versprechen, dass ein Löffel Hagebuttenpulver eine Arthrose behandelt.

Und übrigens:

Der Hund ist – anders als der Mensch – grundsätzlich in der Lage, Vitamin C selbst zu synthetisieren.

Das Argument „Hagebutte muss wegen des Vitamin C unbedingt in jeden Gelenknapf“ greift deshalb zu kurz.

Weihrauch – Boswellia serrata

Weihrauch gehört zu den naturheilkundlichen Pflanzenstoffen, die ich beim Bewegungsapparat interessant finde.

Das Harz von Boswellia serrata enthält verschiedene Boswelliasäuren.

Diese werden insbesondere wegen möglicher Effekte auf Entzündungswege untersucht.

Auch bei Hunden gibt es klinische Untersuchungen, allerdings ist die Datenlage deutlich kleiner und methodisch weniger überzeugend als bei etablierten Arthrosetherapien.

Eine ältere offene multizentrische Studie berichtete Verbesserungen bei Hunden mit chronischen Gelenk- und Wirbelsäulenbeschwerden.

Das ist interessant – aber eine offene Studie ohne Placebokontrolle ist eben kein Beweis auf höchstem Evidenzniveau.

Genau deshalb setze ich Weihrauch lieber dort ein, wo er hingehört:

als mögliche naturheilkundliche Begleitung und nicht als Ersatz für Schmerztherapie oder orthopädische Diagnostik.

Teufelskralle – traditionell interessant, aber mit Bedacht

Auch Harpagophytum procumbens, die Teufelskralle, wird traditionell bei Beschwerden des Bewegungsapparates eingesetzt.

Zu den charakteristischen Inhaltsstoffen gehören Iridoidglykoside wie Harpagosid.

Für den Menschen existieren klinische Untersuchungen bei muskuloskelettalen Beschwerden.

Für Hunde fehlen dagegen umfangreiche hochwertige klinische Studien.

Deshalb sollte auch hier nicht aus traditioneller Anwendung automatisch eine bewiesene Wirkung beim Hund gemacht werden.

Außerdem gilt:

„Natürlich“ bedeutet nicht automatisch nebenwirkungsfrei.

Bei bestehenden Erkrankungen, Medikamentengabe, Trächtigkeit oder empfindlichem Magen-Darm-Trakt sollten pflanzliche Präparate nicht einfach wahllos kombiniert werden.

Brennnessel

Auch die Brennnessel (Urtica dioica) wird traditionell bei Beschwerden des Bewegungsapparates eingesetzt.

Sie enthält eine Vielzahl sekundärer Pflanzenstoffe.

Für eine gezielte Behandlung der caninen Osteoarthritis fehlen jedoch belastbare klinische Daten.

Ich sehe Brennnessel deshalb eher als phytotherapeutischen Begleitbaustein und nicht als zentrale Arthrosetherapie.

Kurkuma und Curcumin

Kurkuma wird nahezu überall als „natürlicher Entzündungshemmer“ beworben.

Ganz so einfach ist es nicht.

Curcumin besitzt interessante biologische Eigenschaften und wird intensiv untersucht.

Das große Problem:

Die Bioverfügbarkeit ist begrenzt und unterscheidet sich erheblich zwischen verschiedenen Zubereitungen.

Ein Ergebnis mit einem speziell formulierten Curcuminextrakt lässt sich deshalb nicht einfach auf einen Teelöffel Küchenkurkuma übertragen.

Bei Hunden gibt es einige Untersuchungen mit Curcumin-haltigen Produkten bzw. Kombinationen. Die Ergebnisse sind interessant, aber nicht ausreichend, um Curcumin als gesicherte Standardtherapie einer Arthrose zu betrachten.

Vitalpilze – Reishi, Cordyceps & Co.

Vitalpilze finde ich aus naturheilkundlicher Sicht sehr spannend.

Beim Bewegungsapparat werden besonders Reishi (Ganoderma lucidum) und teilweise Cordyceps diskutiert.

Beide enthalten eine Vielzahl bioaktiver Substanzen, deren immunologische, metabolische und entzündungsbezogene Wirkungen Gegenstand der Forschung sind.

Aber hier möchte ich eine klare Grenze ziehen:

Für eine zuverlässige Behandlung von Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen bei Hunden mit Arthrose gibt es derzeit keine ausreichende klinische Evidenz für Vitalpilze.

Deshalb würde ich sie nicht als primäre Gelenktherapie verkaufen.

Wenn ich sie einsetze, dann eingebettet in ein individuelles Gesamtkonzept und mit realistischen Erwartungen.

Was ist mit Knochenbrühe, Gelatine und Kollagen?

Knochenbrühe wird gerne als natürliches Gelenkmittel bezeichnet.

Und ja – je nach Herstellung kann sie Gelatine, Aminosäuren und verschiedene Mineralstoffe enthalten.

Aber:

Die Zusammensetzung einer selbstgekochten Knochenbrühe ist nicht standardisiert.

Wir wissen ohne Analyse nicht genau, welche Mengen der einzelnen Stoffe tatsächlich enthalten sind.

Deshalb finde ich eine gute selbstgemachte Knochenbrühe als Futterergänzung durchaus schön.

Ich würde sie aber nicht mit einem standardisierten therapeutischen Gelenkpräparat gleichsetzen und erst recht nicht versprechen, dass sie Knorpel wieder aufbaut.

Was ich bei einem Gelenkhund zuerst überprüfen würde

Bevor wir fünf Dosen Nahrungsergänzungen kaufen, würde ich mir diese Punkte anschauen:

  • Hat der Hund ein gesundes Körpergewicht?
  • Wie ist seine Muskulatur?
  • Ist die Ursache der Beschwerden diagnostiziert?
  • Hat er Schmerzen?
  • Wie bewegt er sich im Alltag?
  • Gibt es extreme Belastungsspitzen?
  • Wie sieht der Boden zu Hause aus?
  • Muss er ständig Treppen laufen?
  • Muss er ins Auto springen?
  • Sind die Krallen angemessen kurz?
  • Ist die Fütterung bedarfsdeckend?
  • Bekommt er genügend hochwertiges Protein?
  • Wie sieht die Versorgung mit EPA und DHA aus?
  • Welche Medikamente bekommt er?
  • Welche Ergänzungen sind tatsächlich sinnvoll?

Erst danach stelle ich ein individuelles Konzept zusammen.

Kleine Veränderungen im Alltag können enorm wertvoll sein

Manchmal sind es nicht die spektakulären Dinge.

  • Ein Läufer auf den glatten Fliesen.
  • Eine Rampe ins Auto.
  • Ein gut erreichbarer Liegeplatz.
  • Mehrere kürzere Spaziergänge statt einer extrem langen Runde.
  • Ein paar Kilogramm weniger Körpergewicht.
  • Regelmäßige Physiotherapie.
  • Gezielter Muskelaufbau.
  • Ein vernünftiges Aufwärmen vor sportlicher Belastung.

Und bei einem Hund mit Schmerzen selbstverständlich eine ausreichende tierärztliche Schmerztherapie.

All diese Dinge können wichtiger sein als das nächste „Premium-Gelenkpulver“.

Schmerzen bitte nicht „natürlich wegtherapieren“

Dieser Punkt liegt mir besonders am Herzen.

Wenn ein Hund Schmerzen hat, braucht er eine vernünftige Diagnostik und gegebenenfalls eine wirksame Schmerztherapie. Ein Hund, der aufgrund von Schmerzen weniger läuft, verliert Muskulatur. Er nimmt Schonhaltungen ein. Andere Strukturen werden stärker belastet. Und dadurch können zusätzliche Probleme entstehen. Phytotherapie, Omega-3-Fettsäuren, Physiotherapie und andere ergänzende Maßnahmen können Bestandteil eines multimodalen Konzeptes sein. Aber sie dürfen nicht dazu führen, dass ein Hund unnötig Schmerzen aushalten muss, weil man ausschließlich „natürlich“ behandeln möchte. Ich weiß, dass du jetzt denkst: wow Mandy und das von einer Tierheilpraktikerin, aber ja für mich geht es hierbei wirklich um das Wohl des Tieres und nicht darum mich auf Teufel komm raus wirklich zu beweisen. 

Naturheilkunde und Schulmedizin müssen hier keine Gegner sein. Für mich ergänzen sie sich dann am besten, wenn wir aus beiden Bereichen das nutzen, was für genau diesen Hund sinnvoll und möglichst gut belegt ist.

Wann sollte ich meinen Hund untersuchen lassen?

Bitte wartet nicht erst auf eine massive Lahmheit.

Hinweise auf Schmerzen oder Probleme des Bewegungsapparates können wesentlich subtiler sein:

  • Schwierigkeiten beim Aufstehen
  • Steifheit nach Ruhephasen
  • langsameres Laufen
  • Zurückbleiben beim Spaziergang
  • weniger Freude an Bewegung
  • Zögern vor Treppen
  • Probleme beim Einsteigen ins Auto
  • plötzliches Verweigern von Sprüngen
  • veränderte Sitzposition
  • häufiges Umlagern
  • Muskelabbau
  • asymmetrische Muskulatur
  • Entlastung einer Gliedmaße
  • verändertes Gangbild
  • Probleme auf glatten Böden
  • Berührungsempfindlichkeit
  • ungewohnte Gereiztheit
  • weniger Spielfreude

Und gerade beim älteren Hund möchte ich einen Satz ganz besonders hervorheben:

„Er ist halt alt“ ist keine Diagnose.

Natürlich verändert sich ein Körper mit dem Alter.

Aber Schmerzen sind keine normale Alterserscheinung, die wir einfach hinnehmen müssen.

Mein persönlicher Fahrplan für gesunde Gelenke

Wenn ich Gelenkgesundheit möglichst lange erhalten möchte, denke ich deshalb nicht zuerst an Nahrungsergänzung.

Ich denke an:

schlank bleiben – Muskulatur erhalten – regelmäßig bewegen – Überlastungen vermeiden – bedarfsgerecht ernähren – Veränderungen früh erkennen.

Wenn zusätzliche Unterstützung sinnvoll ist, würde ich sie gezielt auswählen.

Bei den Nahrungsergänzungen besitzen EPA und DHA derzeit eine vergleichsweise gute Evidenz.

Andere Stoffe wie Grünlippmuschel oder undenaturiertes Kollagen Typ II können interessant sein.

Bei Glucosamin und Chondroitin ist die Evidenz wesentlich weniger überzeugend, als ihre enorme Verbreitung vermuten lässt.

Und Kräuter, Pflanzenstoffe und Vitalpilze können eine naturheilkundliche Begleitung darstellen – sollten aber mit derselben kritischen Sorgfalt beurteilt werden wie jedes andere Präparat.

Denn „natürlich“ ist für mich kein Qualitätsnachweis.

Gelenkgesundheit kommt nicht nur aus der Dose

Natürlich können wir nicht jede Gelenkerkrankung verhindern. Wir können die Gene unseres Hundes nicht verändern. Wir können eine bereits vorhandene Dysplasie nicht wegfüttern. Und wir können zerstörten Gelenkknorpel nicht mit einem Löffel Pulver einfach wieder neu wachsen lassen.

Aber wir können verdammt viel dafür tun, dass der Bewegungsapparat unseres Hundes möglichst gute Bedingungen bekommt.

  • Wir können unseren Welpen vernünftig wachsen lassen.
  • Wir können auf eine ausgewogene Fütterung achten.
  • Wir können unseren Hund schlank halten.
  • Wir können seine Muskulatur trainieren.
  • Wir können Bewegung sinnvoll gestalten.
  • Wir können Schmerzen früh erkennen.

Und wir können Nahrungsergänzungen genau dort einsetzen, wo sie tatsächlich einen sinnvollen Beitrag leisten können.

Genau das bedeutet für mich ganzheitliche Gelenkgesundheit:

Nicht möglichst viel in den Napf zu werfen. Sondern zu verstehen, was dieser eine Hund gerade wirklich braucht. Denn am Ende geht es gar nicht darum, dass ein Hund mit zwölf Jahren noch irgendwelche sportlichen Höchstleistungen vollbringt. Es geht darum, dass er morgens gerne aufsteht. Dass er seine Runde laufen möchte. Dass er schnüffeln, entdecken und dabei sein kann. Und dass Bewegung möglichst lange genau das bleibt, was sie sein sollte: Lebensqualität.

Ich merke gerade das ich noch Stundenlang zu diesem Thema hier schreiben kann und damit es hier jetzt kein Buch wird - stoppe ich nun und bringe den Part 2 am 15.10. online!

Quellen und weiterführende wissenschaftliche Literatur

Anderson KL, Zulch H, O'Neill DG, Meeson RL, Collins LM. Risk Factors for Canine Osteoarthritis and Its Predisposing Arthropathies: A Systematic Review. Frontiers in Veterinary Science. 2020;7:220. DOI: 10.3389/fvets.2020.00220.

Barbeau-Grégoire M, Otis C, Cournoyer A, et al. A 2022 Systematic Review and Meta-Analysis of Enriched Therapeutic Diets and Nutraceuticals in Canine and Feline Osteoarthritis. International Journal of Molecular Sciences. 2022;23(18):10384. DOI: 10.3390/ijms231810384.

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